Weihnachtshund_Schnee

Die ganze Familie ist im Stress. Am Heiligen Abend muss nämlich alles nach Plan laufen. Daher passt ein streunender Hund ganz und gar nicht ins Konzept. Zumal er Läuse haben und bissig sein könnte. Also bleibt er am besten da, wo er hingehört: nämlich auf der Straße!

Jetzt ist der Weg frei für ein für ein besinnliches Fest. Oder nicht?

 Die ganze Geschichte:

 

Auf einmal war er da. Er lag auf der Fußmatte vor der Haustür. Er fiepte und winselte, wie es kleine Hunde tun. Niemand wusste, wo er herkam. Es schien, als sei er vom Himmel gefallen.

„Auch das noch. Wir haben keine Zeit für sowas“, seufzte Mutter. „Wir müssen los zu Oma. Sie wartet mit dem Weihnachtsessen auf uns.“

Vater nickte verärgert. „Verschwinde! Geh nach Hause!“, sagte er energisch zu dem Streuner. Und machte einen großen Schritt über das kleine Fellbündel hinweg, um rechtzeitig aus dem Haus zu kommen. Die Mutter folgte seinem Beispiel.

Noah bemerkte nichts von alledem. Er trottete wie im Blindflug hinter den Eltern her. Den Blick hielt er fest auf seine nagelneue Spielekonsole gerichtet - dem besten Weihnachtsgeschenk, das er je bekommen hatte!

„Aua“, sagte Noah, als er unversehens über den Welpen stolperte. „Was ist das denn?“

Der kleine Hund winselte lauter. Er konnte nicht nach Hause verschwinden, weil er kein zu Hause hatte.

Noah tat das beste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten vorsichtig in die Jackentasche. Neugierig beugte sich zu dem Welpen herunter und streckte die Hand nach ihm aus.

„Bloß nicht anfassen!“, mahnte der Vater erschrocken. „Streuner haben Läuse und übertragen Krankheiten.“

„Und sie beißen!“, ergänzte die Mutter.

Hastig zog Noah seine Hand wieder zurück und musterte den heimatlosen Welpen kritisch.

Es begann zu schneien. Der kleine Hund zitterte vor Kälte. Winselnd kroch er auf Noah zu, um sich zu wärmen.

Doch Noah war gewarnt! Er wollte weder gebissen noch krank werden. Instinktiv trat er einen Schritt zurück.  

„Wir müssen jetzt wirklich los!“, sagte Vater zu Noah. „Der Streuner ist nicht unser Problem. Da soll sich jemand anderes drum kümmern.“

Ratlos zuckte Noah mit den Schulten. “Wenn du meinst?“, sagte er zögernd. Fast erleichtert wandte sich von dem kleinen Störenfried ab und folgte seinen Eltern.

„Beeilung“, mahnte die Mutter zum zweiten Mal. „Sonst kommen wir zu spät zum Weihnachtsessen bei Oma.“

Sie hakte sich beim Vater unter und nahm Noah fest bei der Hand. Gemeinsam hastete die Familie durch den Heiligen Abend - fort von dem Problem vor der eigenen Haustür, das sich sicherlich von allein lösen würde. Der Wind heulte dazu.

Der Weg war überraschend beschwerlich. Es schneite immer heftiger. „Weiße Weihnachten - genau wie du es dir gewünscht hast. Freust du dich?“ wollte der Vater von Noah wissen.

„Logisch!“, nickte Noah tapfer. Der eisige Wind trieb ihm die Tränen ins Gesicht. Mit der freien Hand zog er den Reißverschluss seines Anoraks ganz nach oben.

Es kam ihm vor, als ob der Schnee den Weg buchstäblich verschlingen würde. Es wurde immer problematischer voranzukommen. Die Stadt wirkte wie leergefegt. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Erst recht nicht jemand, der sich um einen frierenden Streuner kümmern würde.

Die Familie vermied es, darüber zu sprechen. Zum Umkehren war es eh zu spät. Halb erfroren erreichten sie das Haus der Oma.

Die stand schon in der Tür und hielt Ausschau nach ihren Lieben. „Um Himmels Willen, ihr holt euch noch den Tod!“, erschrak sie.

„Allerdings!“, nickte der Vater. „Bei so einem Wetter jagt man nicht mal einen Hund vor die Tür.“

Noah starrte den Vater an. Der durchdringende Blick seines Sohnes war neu für den Vater.

„Verdammter Mist!“, dachte er unbehaglich. „Was für eine idiotische Redensart.“ Der Vater konnte es nicht vermeiden, an den zurückgelassenen Streuner zu denken. „Der verfluchte Köter verdirbt uns die Weihnachtsstimmung“, brummte er verärgert.

Doch Omas Fröhlichkeit war in der Lage, seine trüben Gedanken zu vertreiben. „Schnell hinein in die gute Stube. Damit ihr euch aufwärmt“, rief sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Energisch bugsierte sie die Familie ins Innere des Hauses. 

Besonders Noah war froh, ins Warme zu kommen. Ihm war schrecklich kalt.

Die Stube strahlte in weihnachtlichem Glanz. Der Tisch war so liebevoll gedeckt wie nur Omas das hinbekommen. Aus den Schüsseln dampft das Weihnachtsessen. Es roch fantastisch.

„Setzt euch und greift zu! Es ist mehr als genug da“, strahlte Oma.

Die Mutter machte große Augen. „Liebe Güte, wer soll das alles aufessen?“, dachte sie.

Auch wenn sie sich noch so dagegen wehrte: In ihrem Kopf spukte der zurückgelassene Welpe herum, der in der Kälte hungern musste - während die Familie an einem Tisch saß, der überladen war mit den wunderbarsten Köstlichkeiten. Wie gerne würde die Mutter dem Streuner etwas vom Festessen abgeben. Sie fühlte sich plötzlich hundeelend.

Der Vater nahm die Mutter bei der Hand. „Frohe Weihnachten“, sagte er mit Nachdruck.

Die Mutter seufzte. „Ich wünschte, wir könnten die Zeit zurückdrehen. Wir haben einen Fehler gemacht“, murmelte sie betreten.

Der Vater sagte nichts dazu.

Während der Schneesturm an den Fensterläden rüttelte, versuchte die Familie tapfer, das Weihnachtsessen zu genießen, ohne an den Welpen zu denken.

„Es schmeckt ganz wunderbar“, sagte der Vater betont munter.

Noah stocherte in seinem Essen herum. Er wirkte wie geistesabwesend. Und das, obwohl seine nagelneue Spielekonsole in der Tasche lag und ihn gar nicht vom Essen ablenken konnte.

Der Oma missfiel das Schweigen an ihrer festlichen Tafel. Daher plapperte sie drauflos: „Die Kartoffeln habe ich bei Bauer Louis gekauft“, sagte sie. „Weil er immer so freundlich ist.“

„Der Name ‘Louis‘ gefällt mir“, sagte Noah. „Klingt viel besser als Streuner.“  

Da war das Maß voll. Dem Vater reichte es endgültig. Dieser Heilige Abend war furchtbar! Der Vater stand auf.

„Würdet ihr mich entschuldigen?“, bat er.

„Bist du schon satt?“, fragte Oma. „Es gibt noch Nachtisch!“

„Vielen Dank, den esse ich später“, entschied der Vater und zog seinen Mantel an.

„Du willst doch nicht wieder in den Schneesturm rausgehen?“, rief Oma erschrocken. "Ich dachte, ihr bleibt heute Nacht hier.“

„Wenn es dir nichts ausmacht, hole ich noch jemanden dazu“, sagte der Vater. "Ich glaube, er heißt ebenfalls ‘Louis‘ - genau wie der freundliche Bauer - und gehört bereits zur Familie. Ohne ihn können wir unmöglich den Heiligen Abend genießen."

Noah starrte den Vater an. Diesmal mit leuchtenden Augen. Nicht einmal das beste Geschenk aller Zeiten hatten dieses Strahlen hervorgebracht.

Auch von der Mutter fiel die Anspannung ab. Sie lächelte dankbar.

Der Vater ging hinaus in den Schneesturm. Doch seltsam. Diesmal fror er kein bisschen. Ihn wärmte der Gedanke, das Richtige zu tun. Der Weg war kein bisschen beschwerlich. Eilig lief der Vater dem Welpen entgegen, der kein Streuner mehr war, sondern eine Familie hatte, die sehnsüchtig auf ihn wartete.

„Wie es ihm wohl geht?“, dachte der Vater voller Sorge und beschleunigte seine Schritte immer mehr.

Als sein Haus in Sichtweite kam, konnte sich der Vater nicht mehr zurückhalten. „Louis … Louis!“ So laut wie möglich, rief er den Namen des neuen Familienmitgliedes in die Heilige Nacht.

Der Wind trug ihm das Heulen seines Hundes entgegen und trieb dem Vater die Tränen der Erleichterung ins Gesicht. Der Vater wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen und staunte. Er fühlte sich plötzlich so reich beschenkt, wie er es nicht für möglich gehalten hätte. Und das dank eines Wesens, welches voller Vertrauen im Sturm auf ihn wartete, obwohl er es als 'lausigen Streuner' beschimpft hatte. 

(1156 Wörter)

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